Vertreibung aus dem kleinen Glück
Texte von MASCHA KALÉKO, gelesen von Doris Buchrucker
Viele Gedichte Mascha Kalékos geben mit latenter Ironie Alltägliches und Grundsätzliches wieder, geprägt von den Gefühlen, Gedanken, Erfolgen und Niederlagen des Alltags, andere tragen die Zeichen der Emigration – Einsamkeit, Schmerz, Trauer und Hoffnung.
1907 in Schidlow (Galizien, heute Polen) geboren, verschlägt der erste Weltkrieg Mascha Kaléko und ihre Familie in den Westen zunächst nach Marburg, dann nach Berlin. Diese Stadt wird ihr zur zweiten Heimat. Bald schon bekommt sie Anschluss an die Literaten im Romanischen Café, zu denen Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz gehören. Ihre Verse erscheinen seit 1930 in verschiedenen Zeitungen und schließlich veröffentlicht der Rowohlt-Verlag 1933 ihr erstes Buch, „Das lyrische Stenogrammheft“. Zwei Jahre später soll ihr zweites Buch „Kleines Lesebuch für Große“ herausgebracht werden, doch die Texte werden kurz vor der Drucklegung von den Nazis beschlagnahmt. 1938 emigriert sie mit ihrem Mann, dem Komponisten und Dirigenten Chemjo Vinaver, in die USA. Dort schreibt sie weitere Bücher. 1959 übersiedeln die beiden nach Israel.
1956 besucht Mascha Kaléko Deutschland zum erstem Mal erneut, doch nimmt ihr Comeback 1960 ein rasches Ende: Sie weigert sich den Fontane-Preis der Akademie der Künste in Berlin anzunehmen, als sie erfährt, dass eines der Jury-Mitglieder vormals in der SS war. Mascha Kaléko wird daraufhin die Verbreitung falscher Gerüchte vorgeworfen und man gibt ihr den Rat, wenn es „den Emigranten nicht gefalle, wie wir hier die Dinge handhaben, sollten sie fortbleiben“.
Nach dem Tod ihres Mannes spielt mit dem Gedanken, neben dem Jerusalemer Domizil eine kleine Wohnung in Berlin zu nehmen, um dort zu leben, wo sie als junge Frau so glücklich gewesen war. 1975 stirbt Mascha Kaléko jedoch bei einer Europareise in Zürich.
(Quelle: Gisela Zoch-Westphal)
Doris Buchrucker, geb. 1952 in München, Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg- Schule daselbst. Feste Engagements in Göttingen, Heidelberg, Ulm, Tübingen, Hamburg; arbeitet seit 1989 frei; diverse Fernseh- und Sprechfunkarbeiten.